Offener WohnRaum

Offener WohnRaum - Juni 2016:

Der Hinkel und ich wohnen jetzt auf dem Wettinplatz. Natürlich nur bei schönem Wetter und wenn kein Wochenmarkt und keine Jungschar oder etwas anderes wichtiges ist – und auch nur noch im Juni. Wir machen das natürlich nicht „einfach so“ – wobei wir schon „einfach“ interessierte Passanten auf unser Sofa und auf einen Kaffee einladen. Wir wollen hinterfragen, was sie beschäftigt, welche Sorgen, Ängste und Visionen sie im Blick auf Gesellschaft, Politik, Religion und Co. Sie umtreiben. Manch einer erzählt uns seine ganze Lebensgeschichte und für manche scheinen wir fast die einzigen Gesprächspartner des Tages zu sein.

Die meisten Leute jedoch kommen nicht über einen neugierigen Blick hinaus: „keine Zeit“, „viel zu tun“ oder „wir müssen weiter“ – ganz im Sinne deutscher Pünktlichkeit und Pflichtbewusstseins. Einige Beobachter halten uns – zumindest den Blicken nach zu urteilen – wohl für bescheuert, von anderen bekommen wir Kommentare wie: „Kein Zuhause oder was?“, „Sie wollen wohl Wohnraum für Flüchtlinge einrichten?“ oder „Ihre Wohnung ist viel zu spießig – mit so einer ollen Schrankwand“, zu hören.

Aber fast jeder der uns auf dem Wettinplatz begegnet, fragt sich wohl: „Was tun die da?“ und vor allem „Warum?!“. Unsere Absicht ist Raum für offenen Austausch zu schaffen. Dafür tragen wir gern an jedem Aktionstag eine komplette Wohnzimmer-Einrichtung auf den Coswiger Wettinplatz. Dank fleißiger Helfer geht das von Mal zu Mal schneller und wir werden zu einem eingespielten Team.

Unser Konzept scheint für viele ungewohnt und zweifelhaft: Nein, wir wollen nichts verkaufen und niemanden eine Meinung aufschwatzen oder von etwas überzeugen. Wir hören zu. Wir hören interessiert ihre Geschichte, ihre Sorgen an und wissen natürlich, dass wir in den meisten dingen nicht helfen können – das wollen wir auch gar nicht. Aber wir können zum Überdenken eigener Standpunkte und zu einem weltoffenen Blick einladen.

Gefördert wird das Projekt durch die „Partnerschaft für Demokratie“ und am Ende soll eine kleine Broschüre stehen, in der wir das Erlebte und Gehörte aufschreiben werden.

Sicher bleiben wir auch den Coswigern eine Weile im Kopf.

…Und wenn unsere sozialpädagogische Karriere eines Tages ein jähes Ende nehmen sollte, dann gründen wir einfach ein Umzugsunternehmen oder schulen zum Raumausstatter um.

Lisa

Fotos: Niels Kreye

Fotos

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